gabber

Sbrang Gabba Gang

www.frequencies.eu, 18 giugno 2019
+ Riccardo Balli: Sbrang gabba gang

Musica della deprivazione sensoriale, suono supersonico e subumano apprezzato dalle masse di giovani suburbani, balli schizofrenici inframmezzati dalla mossa spastica dello hakken, canzoni per teppisti da periferia in cerca di risse, decine e decine di locali chiusi dalla polizia in via preventiva, sottoproletari vestiti con i più costosi brand in circolazione, hooligan di curve da stadio rasati come skinhead, considerati nazisti, razzisti e maschilisti… Eppure in Olanda, dove è nata la prima scena, il termine gabber vuol dire compagno.
Esistono monografie sui generi musicali più oscuri, dal metal estremo all’industrial, ma sono rari i libri di approfondimento sulla cultura legata alla techno hardcore/gabber. Ma questo movimento, nato all’inizio degli anni novanta, si è diffuso in tutto il mondo e ha imposto modi di vestire, comportamenti sociali e stili di vita.
In un gioco di specchi dallo spirito dissacrante, il visionario scrittore Riccardo Balli ricostruisce la storia della gabber, miscelando il presente al passato attraverso la lente di ingrandimento dell’avanguardia storica del futurismo. Un volume poliedrico che urla e si concentra, in un ibrido tra fiction e non-fiction, sui componenti quali l’amore per la velocità, il conflitto generazionale, il culto della guerra e la comunicazione sperimentale.
Ma stiamo parlando della gabber o del futurismo?
La risposta la trovate nei brani hardcore sparati a tutto volume tra le pagine di Sbrang Gabba Gang!

Il resto del Carlino, 13 giugno 2019
+ Balli fa scoprire l’Olanda dei ‘90 e la nascita della cultura Gabber
In Italia, negli anni Novanta, veniva chiamata gabber ed era un sottogenere dell’hardcore techno, una musica velocissima e dura, che girava a 160-180 battiti per minuto, in gergo, bpm. Anche a Bologna si ascoltava e si ballava, anche se non si trasformò mai in qualcosa di forte, in un movimento pari a quello dei Paesi Bassi, dove nacque. Ma Riccardo Balli, fondatore dell’etichetta Sonic Belligeranza che da anni studia la storia di culture musicali e sociali underground, con il suo libro Sbrang Gabba Gang che viene presentato alle 18 alla Feltrinelli Ravegnana e alla 19.30 da Stomp in via Mascarella 22/a (che con il taglio del nastro accompagnato da dj set diventa il nuovo quartier generale della label), ci svela subito che il vero nome è “gabbar”, approfondendo questa cultura legata alla techno, che dagli anni Novanta si è diffusa in tutto il mondo e ha imposto modi di vestire, comportamenti sociali, stili di vita e anche un ballo complesso: l’hakken o doppio passo incrociato, negli ambienti chiamato “passetto olandese”.
Lo scrittore ricostruisce la storia della gabber, miscelando il presente al passato attraverso la lenti fi ingrandimento dell’avanguardia storica del futurismo. Un volume poliedrico che concentra su componenti quali l’amore per la velocità, il conflitto generazionale, il culto della guerra e la comunicazione sperimentale.
“Musica della deprivazione sensoriale, suono supersonico e subumano apprezzato dalle masse di giovani suburbani, balli schizofrenici inframmezzati dalla mossa spastica dell’hakken – racconta Balli dando l’idea di un vero flusso di coscienza – canzoni oer teppisti da periferia in cerca di risse, decidne e decine di locali chiusi dalla polizia in via preventiva, sottoproletari vestiti con i più costosi brand in circolazione, hooligan di curve da stadio rasati come skinjead, considerati nazisti, razzisti e maschilisti… Eppure in Olanda, dove è nata la prima scena, il termine ‘gabber’ vuol dire compagno.”

di b.c.

Corriere della Sera, 13 giugno 2019
+ Gabber con occhi futuristi
Riccardo Balli ricostruisce la storia della musica gabber nel volume Sbrang Gabba Gang. Miscelando il presente al passato e attraverso la lente d’ingrandimento dell’avanguardia storica del futurismo, l’autore rivaluta un sound una volta dileggiato, che ora occupa spazi sulla stampa patinata e in musei d’arte contemporanea. Dopo la presentazione alle 18.00 presso la Feltrinelli Ravegnana seguirà un aperitivo “gabber-futurista” presso il bar Stomp di via Mascarella 22.
www.zweikommasieben.ch, 11 giugno 2019
+ Riccardo Balli. Gabber Futurismus
Riccardo Balli ist eine Kultfigur des extremen und experimentellen elektronischen Undergrounds. Nach dem Philosophiestudium an der Universität Bologna stolperte er während eines London-Aufenthalts zufällig in eine der legendären Dead by Dawn Squat-Partys. So lernte er Schlüsselpersonen der gerade erst entstehenden Breakcore-Szene wie Christoph Fringeli [siehe zweikommasieben #17] und DJ Scud kennen.
Magazin, #19, Bologna, Breakcore, Dead by Dawn, Frankenstein, Futurismus, Gabber, Macao, Zukunftsschock
Kurz nach diesen Begegnungen[1] startete der Italiener seine musikalische Karriere als DJ Balli und gründete im Jahr 2000 sein Label Sonic Belligeranza. Bis heute veröffentlicht das Label experimentelle und oft kontroverse Musik – während DJ Balli weiterhin regelmässig auftritt (zuletzt und prominent etwa neben Zombieflesheater und DJ Scud im Macao [siehe zweikommasieben #16] in Mailand). Ende der neunziger Jahre begann er auch, Bücher zu schreiben und zu Anthologien wie Rave in Italy beizutragen.
Benedikt Achermann besuchte den italienischen Künstler in seinem mehr oder minder legalen Plattenladen (eine Geschichte für sich…) im Hinterraum einer Bar an der Via Mascarella in Bologna. Sie sprachen über den Breakcore-Spirit, das Wiederaufleben von Gabber und Ballis Buchprojekt über den Gabber-Futurismus.
Benedikt Achermann Du bist gerade von einer Reise nach Wien zurückgekommen. Was hast du da gemacht?
Riccardo Balli Ich war für eine Präsentation von Frankenstein, or the 8-bit Prometheus [Chili Com Carne editions, 2018] in der Buchhandlung im Stuwerviertel da. Eingeladen hat mich Rokko, der Herausgeber von Rokko’s Adventures, eine Art «Wasted Jugendstil»-Magazin über die dunklen Seiten Wiens, Literatur und Musik. Frankenstein, or the 8-bit Prometheus ist mein erstes Buch, das auf englisch erschien; es wurde im April 2018 veröffentlicht. Bei der Präsentation war Bianca Ludewig dabei, die gerade ihre Studie Utopie und Apokalypse in der Popmusik: Gabber und Breakcore in Berlin veröffentlicht hat. Am Samstagabend spielte ich an der Party Lauter Lärm im Venster 99, wo ich eine Art Resident Act bin. Die Party ist auf harte elektronische Musik ausgerichtet und schliesst die Lücke zwischen Harsh Noise und extremen Dancefloor-Sounds. Istari Lasterfahrer und The Massacre vom Schweizer Label Terrornoize Industry spielten ebenfalls.
BA Du hast die Anfänge von Breakcore aus nächster Nähe miterlebt. Verfolgst du Breakcore noch? Wie beurteilst du den aktuellen Stand des Genres?
RB Breakcore war für mich immer primär eine hybride Strategie. Ich erinnere mich deutlich daran, dass ich um 2004 den Eindruck bekam, dass sich das Genre zu einem kodifizierten Stil entwickelt. Das Rezept dieses Stils war die Kombination von Gabber-Kicks und Amen-Breaks. Ich sah, wie sich dieses Muster immer wiederholte – und es langweilte mich. In einer grösseren historischen Perspektive war Breakcore nichts Neues. In der Avantgarde geht es traditionell um das Nebeneinander von Dingen, die nicht zusammenpassen – das Aufeinanderprallen, der Mash-up, die Beobachtung, was dabei herauskommt. Das ist die Einstellung, die ich beibehalten wollte. Deshalb begann ich, nach Wegen zu suchen, wie ich diese Breakcore-Attitüde auch ausserhalb von Musik in anderen Projekten einsetzen konnte. Sonic Belligeranza war immer auf harte Dancefloor-Sounds ausgerichtet. Aber Breakcore löste in mir immer mehr ein klaustrophobisches Gefühl aus. Als Reaktion darauf habe ich die Sublabels -Belligeranza und +Belligeranza lanciert. Letzteres veröffentlicht noch härtere und extremere Musik und konzeptionelle Noise-Projekte. Ersteres beschäftigt sich mit weniger harschem Material. Die Releases von -Belligeranza reichen von Battle Breaks [Platten zum Scratchen], über Horrorcore-Rap bis hin zu Vaporwave. Sicherlich seltsames Material, aber es ist nicht so sehr auf «harte» Sounds fokussiert. Es geht vielmehr darum, innovative Ideen auszudrücken. Ich sehe auch die Art und Weise, wie ich schreibe, als Weiterverfolgung der Breakcore-Strategie ausserhalb des Musik-Kontexts. Frankenstein, or the 8-bit Prometheus ist ein literarischer Mix aus Mary Shelleys Klassiker, der Einflüsse und Jargon der 8-Bit-Videospielkultur aufnimmt und nicht-fiktionalen Berichte anlässlich des 17. Jahrestages von Sonic Belligeranza. Ich wollte dies nicht als klassischen Essay angehen, sondern zielte auf eine Mischung aus literarischen und «low brow»-Stilen.BA Sonic Belligeranzas Output ist oft sehr konzeptionell – was man im Hardcore-Bereich eher selten sieht. Es scheint, als ob du kein Problem damit hast, dich zwischen «low brow» und «high brow»-Kultur zu bewegen…
RB Ja, meine Arbeit wird oft als «konzeptionell» beschrieben. Ich verfolge Noise schon eine sehr lange Zeit und für mich ist das meiste davon langweilig und vorhersehbar. Ich versuche, die Noise-Szene mit frischen Ideen zu bereichern. Eine der besten Platten von Sonic Belligeranza besteht zum Beispiel aus Geräuschen von Skateboards[2]. Oder es gibt die Quattro-Stagioni-Pizza-Noise-Platte[3]. Es läuft wieder auf Breakcore hinaus – auf einer konzeptionellen Ebene versuche ich, Breakcore zu sein – «low brow» und «high brow» nicht nur in der Musik, sondern auch im Leben zu vermischen. In den historischen Avantgardebewegungen ging es immer darum, die Kluft zwischen Kunst und Leben zu überbrücken. Kunst ist keine Kunst, wenn sie vom Leben getrennt ist. Kunst ist eine Form der direkten Handlung.
BA Es ist faszinierend zu sehen, was aus Marc Acardipanes kryptischer Catchphrase «see you in 2017» geworden ist. In den letzten drei Jahren hat sich das Interesse an der Rave-Kultur der neunziger Jahre und damit verbunden dem Gabber- und Hardcore-Kontinuum verstärkt. Kollektive wie die Pariser Casual Gabberz [siehe zweikommasieben #16] und Künstlerinnnen wie Sentimental Rave, Hdmirror [siehe zweikommasieben #19] und Gabber Eleganza [siehe zweikommasieben #17] aus Italien greifen den Sound und die Ästhetik der Gabberkultur wieder auf. Mittlerweile haben alle diese Künstler auch im symbolträchtigen Berghain gespielt. Thunderdome feierte sein 25-jähriges Jubiläum mit 40 000 Raverinnen. Zeitgleich ist auch die Underground-Hardcore-Szene wiederbelebt – Praxis Records [siehe zweikommasieben #17] feierte sein 25-jähriges Jubiläum und in der Schweiz finden wieder vermehrt Breakcore- und Gabberpartys statt, u.a. vom bereits erwähnten Terrornoize Industry-Label. Was hältst Du von dieser Gabber-Renaissance?
RB Ich freue mich sehr darüber, wahrscheinlich im Gegensatz zu anderen Gabbers meines Alters, die diese neue Welle als «Hipster-Hardcore» abtun. Das hat auch etwas Wahres, aber insgesamt denke ich, dass die Renaissance ein Phänomen ans Licht bringt, das mehr Aufmerksamkeit verdient hat. Gabber ist wichtig für die elektronische Musik. Viele klangliche Lösungen von Gabber, wie der Hoover-Bass und die Konzentration auf die Kickdrum beeinflussten die elektronische Musik im allgemeinen. Ich sehe Gabber als das Äquivalent der elektronischen Musik zu Punk und Metal, das sich Techno entgegensetzt, wie es Punk mit (Prog-)Rock tat.
BA Diese Anti-Haltung und das subversive Potential von Gabber werden oft angesprochen. Wie kommt das?
RB Ich persönlich bin vor allem daran interessiert, Gabber selbst subversiv zu unterwandern. Das Genre wird oft als idiotische, nicht ernstzunehmende Musik abgetan. Was ich mit der Unterwanderung von Gabber meine, ist, dass ich ihn mit einer avantgardistischen Bewegung in Verbindung bringen will. In diesem Fall die italienische Futurismus-Bewegung.
BA Das ist das Thema deines aktuellen Buches sbrang gabba gang!, das soeben auf Agenzia X veröffentlicht wurde, richtig?
RB Ja, sein Untertitel lautet «The Gabber Reconstruction of the Universe», meine Interpretation von ricostruzione futurista dell’universo, dem Manifest von Giacomo Balla und Fortunato Depero, zwei italienischen Futuristen aus dem frühen 20. Jahrhundert. Ich sehe viele von Gabber und Futurismus geteilte Gemeinsamkeiten. Beide Bewegungen verehren Geschwindigkeit und teilen eine kriegerische Ästhetik. Beide wurden beschuldigt – oft zu Recht – faschistisch zu sein. Ich verfolgte diese Parallelen weiter und darum geht es in sbrang gabba gang! Wie bei Frankenstein, or the 8-bit Prometheus verfolge ich einen Ansatz, der Fiktion und Sachtexte vereint. Statt dem Shelley-Klassiker muss nun der Futurismus dran glauben. Da gibt es zum Beispiel den berühmten Text «The Art of Noise» von Luigi Russolo, den ich in «The Art of Bassdrum» umarbeite. Der fiktive Teil des Buchs schildert die Abenteuer einer Gruppe von Gabber-Futuristinnen. Sie betreiben Kunstvandalismus, es geht ihnen darum, das italienische Kulturerbe zu beschädigen. Ich gehe hin und her zwischen Fiktion und Fakt, zwischen Gabber und Futurismus und vermenge sie. In gewisser Weise möchte ich auch den Futurismus verschandeln, indem ich ihn mit Gabber in Verbindung bringe.
BA Kunstvandalismus – erzähl mir mehr davon!
RB Die Futuristen wollten das Museum zerstören. Es gibt einen faszinierenden Fall von jemandem, der das wörtlich genommen hat: Piero Cannata. Er ist berüchtigt für eine Reihe von Beschädigungen wichtiger Kunstwerke. Er hat 1991 – und das ist nur der berühmteste Fall – Michaelangelos David mit einen Hammer zugesetzt. Cannata befindet sich derzeit in einer Irrenanstalt. Das klingt nach meiner Vorstellung von Gabber-Futurismus. Gabber ist traditionell mit Hooliganismus verbunden. Wenn eine niederländische Mannschaft gegen Rom spielt, hinterlässt sie immer eine Spur der Zerstörung… Mode ist eine weitere Parallele. Mode war sowohl für Gabber als auch für den Futurismus sehr wichtig. Die Futuristen schrieben alle möglichen Manifeste, zum Beispiel über Essen, aber auch über Mode. Der Trainingsanzug wurde von Futuristen erfunden! Zwei italo-amerikanisch-schweizerische Brüder entwickelten 1919 den ursprünglichen Entwurf. Im Buch spinne ich ein fiktives Garn von diesem Punkt zu einem integralen Bestandteil der Gabberuniform: den Trainingsanzügen der italienischen Marke Australian. Futurismus wird in Italien in den Schulen gelehrt, in gewisser Weise ist es ziemlich «Pop». Schon Teenager wissen Bescheid. Ich hoffe, ein besseres Verständnis von Gabber zu schaffen und neue Perspektiven auf den Futurismus zu eröffnen. Viele gehen aber lieber nicht allzu tief in diese Themen rein, wegen der fragwürdigen politischen Standpunkte und den Verbindungen zum Faschismus. Es ist wichtig, zu kontextualisieren, was Faschismus bedeutete und was seine Rolle zu Beginn des letzten Jahrhunderts war. Dennoch handelt es sich um eine Anschuldigung, die nicht ignoriert werden darf und die diskutiert werden muss. Einige Futuristinnen waren eindeutig Faschisten, wie Filipo Marinetti, Autor des futuristischen Manifests. Ich gebe ihm in meinem Buch den Spitznamen «Dominator» Marinetti und mache mich damit über seine Rolle als unbestreitbarer Führer der Bewegung lustig.
BA Dominator ist natürlich auch der Name des riesigen Mainstream-Hardcore-Festivals in Holland…
RB Genau. Um ein weiteres Beispiel dafür zu nennen, wie ich mit dem Thema Faschismus umgegangen bin: Der bereits erwähnte Balla schrieb nicht nur das Manifest, sondern war auch ein berühmter Maler und hatte eine faschistische Periode. Deleuze und Guattari schreiben über biologischen Faschismus und «Mikrofaschismus». In jedem von uns, sagen sie, gibt es ein Element des Faschismus. Also, lass uns damit umgehen, es untergraben! Ich tue dies mit dem Mittel der Alliteration, mache den Schritt von Balla zu Balli – und bringe es auf eine persönliche Ebene, zum Beispiel auf meinem Tape Svelto The Hakken Tuner für Arte Tetra.
BA Eine Reaktion auf Gabber – auch in meiner persönlichen Erfahrung – ist, dass viele den Stil immer noch sehr stark als «Nazi-Musik» sehen.
RB In Italien ist es auch so. Es gibt gute Gründe für eine solche Sichtweise, aber ich denke, sie ist meist auf Ignoranz und mangelndes Wissen über Gabber zurückzuführen. Ich sehe Gabber als Ausdruck der Arbeiterklasse, der Lumpenproletariatskultur. Es ist eine ähnliche Geschichte wie in der Punk-Bewegung, wo die Oi- und Skinhead-Subkulturen von der extremen Rechten untergraben wurden und bis heute unter dieser Assoziation leiden. Das ist etwas, womit ich mich in meinem Text «How To Cure a Gabba» beschäftigte. Ich bin seit den den neunziger Jahren in der Gabberszene unterwegs und analysiere in diesem Text einige meiner Erfahrungen. Ich spielte in den Neunzigern hauptsächlich Breakcore. Die Besetzerinnen, für die ich normalerweise in Italien spielte, fanden das nicht so toll. Sie spielten meistens Drum’n’Bass und verstanden diesen Sound nicht. «Es ist alles verzerrt! Lern mal, wie man mischt!», sagten sie zu mir. Zur gleichen Zeit bekam ich Bookings auf kommerziellen Gabber-Veranstaltungen. Ich traf dort Leute, die meine Musik feierten – aber politische Ansichten vertraten, die mich völlig in Verlegenheit brachten. Ich verkaufe immer noch oft Platten und Bücher auf Partys. In den neunziger Jahren war dies eine Möglichkeit für mich, mit «echten» Gabbern zu interagieren. Ich wurde oft mit ignoranten, rassistischen Einstellungen konfrontiert. Mein Eindruck war, dass diese Einstellungen in den meisten Fällen einfach einfältig waren, das waren nur Menschen, die dem folgten, was ihre Freunde taten oder sagten. In einigen Fällen ist es mir gelungen, mit ihnen über Gabber eine gemeinsame Basis zu finden. Ich erzählte ihnen von Leuten wie The Darkraver oder DJ Loftgroover, farbigen Künstlerinnen, oder Liza’n’Eliaz, einer (mittlerweile verstorbenen) trans/queer Künstlerin. Das war meine Art, sie herauszufordern und Zweifel über ihre Ansichten in ihre Köpfe zu pflanzen. Ich behaupte nicht, dass dieser Ansatz zu 100% erfolgreich war. Aber in einigen Fällen folgten mir Gabber tatsächlich zu Gigs in anarchistische Squats und waren so ganz anderen Ideen ausgesetzt. Hätte ich jeden Kontakt auf orthodoxe Antifa-Weise abgelehnt oder versucht, sie zu bekämpfen, wäre nichts davon passiert.
BA Leider eignet sich die extreme Rechte heutzutage den Antifa-Look an und übernimmt sogar Slogans wie «good night white pride», die sie zu «good night left side» umformulieren.
RB Und in Italien haben wir jetzt rechte Hausbesetzungen von einer Bewegung namens «Casa Pound». Wieder einmal ein Beispiel für rechtsextreme Bewegungen, die sich von der Linken entwickelte Kultur und Taktiken aneignen – in diesem Fall die Strategie der Besetzung. Also, holen wir es uns zurück! «sbrang gabba gang!» ist eine Ausdruck zur Wiederaneignung einer Kultur, die uns «gehört». Es ist ein Akt der reclamation, der die Gabber-Kultur zurückfordert, denn ich glaube nicht, dass Gabber rechts ist. Gabber trägt keine politische Botschaft. Gabber ist harte Musik zum Feiern und kann als Ventil dienen, um mit einer harten Arbeiterinnenexistenz fertig zu werden. Das ist eine weitere Sache, die Gabber und Futurismus gemeinsam haben: Aggression, Härte. In der Number One, einer Diskothek in Brescia, gab es am Ende der Nächte im Sala Due die berühmte «Gabberpyramide». Inzwischen ist sie italienische Gabberfolklore und man kann faszinierende Aufnahmen davon im Internet finden. Raver trafen sich in der Mitte der Tanzfläche und schufen eine aufeinandergestapelte, menschliche Struktur. Das Ziel war es, den Gipfel zu erreichen und die Decke von Sala Due zu berühren. Es war eine Form von violent dancing, eine Art Moshpit. Futuristen veranstalteten ihrerseits Soirées, Nächte mit Poesie-Lesungen und Ausstellungen futuristischer Kunst. Die Nächte waren von einer aggressiven Haltung und absichtlichen, körperlichen Provokationen geprägt. Nicht selten endeten diese Soirées in Tumulten. Umberto Boccioni, ein futuristischer Maler, dokumentierte dies in seinem Gemälde Rissa in galleria («Aufstand in der Galerie») von 1909.

BA Simon Reynolds und Mark Fisher, möge letzterer in Frieden ruhen, erwähnten oft, dass sie beim ersten Hören von Jungle eine Art «Zukunftsschock» erlebten. Nach ihrer Meinung wird dieses Erlebnis immer seltener. Wann hast du das letzte Mal einen future shock erlebt, als du eine neue Entwicklung in der Musik gehört hast?
RB Ich bin ständig auf der Suche nach dieser Art von Schock. Die Suche nach und das Untersuchen solcher Schocks ist im Prinzip der Sinn meines Labels. Die letzten Schockmomente für mich waren Death Rap / Horrorcore und Extratone. Wann immer ich etwas finde, das mir interessant erscheint, versuche ich, ein Projekt daraus zu machen. Mit Rancid Opera haben wir den Horrorcore-Rap erforscht, indem wir die Sprache der Oper – die traditionell Gore-Elemente enthält – verwendet haben, um uns u.a. über schlechten italienischen Rap lustig zu machen. Extratone mit seinen 1000 BPM (und darüber hinaus) ist ein weiteres Beispiel dafür, und wir sind eines der wenigen Labels, die diesen Stil tatsächlich auf Vinyl veröffentlicht haben.
Der Schock, nach dem du mich gefragt hast, ist essenziell für mein psychologisches Gleichgewicht. Ich bin immer auf der Suche nach neuen Schocks, nach neuen sonischen Frankensteins. Die Neugierde nach neuen Konzepten und Ideen hält mich in Schwung und ich habe immer noch viel Spass daran, ihr nachzugehen.
Dieses Interview begleitet einen weiteren Text, der in zweikommasieben #19 erschienen ist. Dort hat Benedikt Achermann gemeinsam mit Moritz Weizenegger den Musiker Hdmirror interviewt, um eine gegenwärtiges Revival von Hardcore inspirierter Musik nochmals aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.
Die Bilder von Balli hat ebenfalls Achermann geschossen.
[1] Auf prole_sectors Instagram ist Dead by Dawn dokumentiert.
[2] In Skatebored We Noize (+Belligeranza 04)
[3] 4 Seasons Pizza (+Belligeranza 05)

von Benedikt Achermann

Tags:



I commenti sono chiusi.

Torna su ↑